Literarisches

  • Nachtschicht


    Die letzte Nacht war ereignisreich. Ich bin heilfroh, jetzt hier zu Hause an meinem Schreibtisch zu sitzen und euch in aller Ruhe zu berichten, was geschehen war. Wie immer ist es schwierig, den Anfang zu finden, denn die richtigen Worte für Außergewöhnliches wären nun mal ebenso außergewöhnlich, doch da ich ein gewöhnlicher Mensch bin, müssen in diesem Fall gewöhnliche Worte dafür herhalten. Wie gesagt, das ist nicht ganz so leicht.


    Alles begann letzte Nacht rund vier Stunden nach meinem Dienstantritt. Die zweite Kontrollfahrt mit dem Fahrrad lag gerade hinter mir und ich setzte mich draußen auf die geliebte Bank unter dem weit ausladenden Baum. Das ist jener Baum, von dem die Krabbeltierchen sich gerne zu mir abseilen, sich auf der Hutkrempe sammeln, um mir dann direkt vor meinen Augen eine unscharfe Makroaufnahme von sich anzubieten.


    Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein, ich e-dampfte genüsslich vor mich hin, da nahm ich in etwa einem Meter Entfernung auf dem mit Steinen gepflasterten Boden eine Bewegung wahr. Nichts Konkretes, es schien nur so, als rührte sich dort etwas. Neugierig stand ich auf und ging näher heran. Ja, da war etwas ziemlich Winziges. Um es genauer zu erkennen, bückte ich mich tief herab. In einem Halbrund standen wohlgeordnet schätzungsweise ein Dutzend Ameisen und in der Mitte befand sich eine einzelne Ameise, die, wie es mir schien, heftig mit ihren Gliedern in meine Richtung gestikulierte und um Aufmerksamkeit bat.


    "Nanu, wer bist denn du?", entfleuchte es stimmlich aber unbewusst meinem Mund. Selbstgespräche sind bei dieser Art der recht einsamen beruflichen Tätigkeit nichts Ungewöhnliches. Vor Jahren, als ich noch mit meiner Hündin den Dienst versah, schob ich diese Selbstgespräche, wenn jemand sie zufällig mitbekam, auf die Kommunikation mit der vierbeinigen Kollegin. Während ich also noch innerlich ein wenig über meine Worte schmunzelte, vernahm ich abermals leise eine Stimme. Na klar, denkt ihr sofort, das konnte ich mir nur eingebildet haben. So ähnlich dachte ich anfangs auch, trotzdem ging ich mit meinem Ohr näher in Richtung Erde und murmelte verstohlen: "Was möchtest du Kleine denn?"


    Dann geschah das Außerordentliche, für das ich eben nicht die richtigen Worte finde, denn just in dem Moment, da mein Ohr in der körperlichen Neige den tiefsten Punkt erreicht hatte, nahm ich einen heftigen stechenden Schmerz in meinen Kniekehlen wahr. Instinktiv schaute ich dorthin und sah rechts und links jeweils eine Soldaten-Ameise wie sie mit etwas, das in gewisser Weise einem polizeilichen Schlagstock glich, nur kleiner halt, winzig eben, wie sie also beide damit in meine Kniekehlen schlugen. Noch während ich fragend staunte, lösten sich aus dem Halbrund vier oder fünf Ameisen und nahmen mich kräftig bei meinen Schultern. Ja, ihr denkt, jetzt ist oller Monomond vollends übergeschnappt, verstehe ich, absolut sogar, denn ich hatte genau dasselbe in diesem Moment gedacht. Völlig verdattert (ist das nicht ein herrliches Wort?) war ich aber zu keiner Regung fähig, wollte mich erheben, doch der Schmerz in den Knien lähmte alle Muskeln. Ich war vollkommen unfähig zu irgendeiner Regung.


    Die vormals mittlere Ameise packte mich bei der Hand, ich meine, das geht natürlich nicht, das wusste ich auch, doch so erschien es mir, und sie zog mich hinab zu Boden dicht neben sich. "Da haben wir dich endlich!", triumphierte sie und zerrte mich zwischen zwei Pflastersteinen in die Ritze hinein, "Monomond, du bist verhaftet. Mitkommen!", befahl sie.


    Zuerst überlegte ich, ob beim gestrigen Mischen des Liquids für meine E-Dampfe versehentlich CBD-Aroma ins Propylenglykol geraten war, doch dann wurde mir recht schnell klar, dass es sich um die Wirkung von Ameisensäure gehandelt haben muss, die mich in der Folge willenlos und wehrlos gemacht hatte, nicht fähig, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Es eilten blitzschnell viele Arbeiterinnen-Ameisen herbei, die meinen Körper wie auf unzähligen kleinen Rädchen zielstrebig durch einen Gang unter den Steinen vorwärts beförderten. Um mich wurde es dunkler aber nicht finster wie in einem Schwarz, denn von irgendwoher ließ ein fahles Licht mich die Umgebung noch in Grautönen erkennen. Alsbald legte man mich in einem fensterlosen Raum ab. Richtig, es war eine Zelle, denn am Eingang postierten sich mächtige Riesenameisen mit bedrohlich scharfen Klingen quasi als Kieferersatz. Eigentlich waren es lebendige Waffen, die dort zu meiner Bewachung abgestellt wurden. An Flucht meinerseits war jedenfalls nicht zu denken, auch wenn langsam das lähmende Gift nachzulassen schien.


    "Wo bin ich hier? Was soll das alles? Hilfe!", schrie und schimpfte ich empört. Da bewegte sich aus dem Halbschatten der Wächter eine kleinere Ameisen-Gestalt, wand sich zu mir und sprach in emotionslosen, fast wie vorgelesen klingenden Worten: "Monomond, du wurdest verhaftet, denn dir wird heute der Prozess gemacht. Du bist beschuldigt des Massenmordes an 164 Ameisen allein in den letzten sechs Monaten. Belegt und dokumentiert. Dein Prozess beginnt in Kürze". Ich wollte etwas entgegnen, weiß jetzt aber nicht einmal mehr was, denn es blieb bei meinem fragend staunenden offenen Mund. Ich griff in meine Tasche zum Handy, Verzweiflung ließ mich stöhnen, man hatte es mir genommen oder es war verloren gegangen.


    Versetzt euch bitte in meine Lage! Das könnt ihr nicht? Ihr lacht und schüttelt eure Köpfe? Nein, ernsthaft, was sollte ich da erwidern? Absurd in grotesker Lage. Irrational aber wahrhaftig real. Natürlich dachte ich ebenfalls, es müsse sich um eine Art Wachtraum handeln, eine Psychose vielleicht, der ich warum auch immer anheim gefallen war. So what? Es war, wie es war. Wenn du in einer Gefängniszelle hockst, kannst du denken, was du willst, dadurch wirst du nicht befreit. Es befreit sich nichts von selbst sozusagen, etwa wie durch einen Kniff beim Erwecken aus einer hartnäckigen Fantasie. Und dass die Zelle surreal klein war, in der ich mich befand, das wusste zwar mein Gehirn, die Ratio, doch wenn du dich in ihr befindest, ist ihre Größe unwichtig und immer gleich - eine Zelle ist eine Zelle und bleibt eine Zelle. ...


    - Zeichenbegrenzung, Fortsetzung im nächsten Post

  • In den folgenden zwei Stunden ließ man mich alleine. Alle Gedanken, die ihr euch jetzt auch macht, durchdachte ebenfalls mein Gehirn. Jede Möglichkeit einer Sinnestäuschung durchspielte ich, schrie, schimpfte, weinte, schlug gegen die Wand, trat gegen eine der lebendigen Klingen, was ich lieber hätte bleiben lassen sollen, denn dadurch schmerzt immer noch der Schnitt an meinem rechten Fuß, den ich mir dabei zugezogen hatte, ich fluchte weiter, bis dass ich plötzlich resigniert still auf dem Boden saß und nur noch ins graue Halbdunkel starrte. So als sei mein Gehirn und all die Nerven an einer Überlastung durch eine Sicherung ausgeschaltet worden. Eine Schutzschaltung, die greift, kurz bevor man verrückt wird. "Atomizer Short"!Ich begann mich mit den Gegebenheiten abzufinden, so irrwitzig sie auch sein mochten. Ich war da, saß in einer Zelle, war eines Massenmords angeklagt, von dem ich nicht einmal etwas wusste und wartete auf einen Prozess ...


    Obwohl ich das Zeitgefühl gänzlich verloren hatte, sah ich auf meiner Uhr, dass exakt nach zwei Stunden die Ankläger-Ameise erneut meine Zelle betrat. "Mitkommen!", befahl sie, und umgeben von den Klingen-Ameisen zerrte man mich aus der Zelle. Ich stolperte mehr als dass ich ging. Einen Gang mit niedriger Decke entlang, bis wir einen größeren Raum erreichten, einen Saal, in dessen Mitte man mich stellte und von mir abließ: "stehenbleiben!". Die Lichtverhältnisse dort waren nicht wesentlich besser, ich erkannte um mich herum schummrige Gestalten einer Menge Ameisen. Auf einer Empore leuchtete ein rötliches Licht. Es dauerte ein wenig, bis ich erkannte, dies war keine Laterne, sondern das Licht ging von dem rötlich schimmernden Kopf einer einzelnen Ameise aus, deren Figur um einiges größer als die der anderen war.


    "Als Königin dieses Staates beschuldige ich dich des Mordes an 164 Bürgerinnen und Bürgern. Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?"


    Das begriffliche Verdattert-Sein, dieses Gefühl allumfänglicher Ohnmacht begann sich erneut in mir auszubreiten. "Ich weiß von nichts!", rief ich. Ein Raunen durchzog den Saal, was jedoch nicht menschlich klang, ihm fehlten akustisch sämtliche Bässe und Mitteltöne, dennoch begriff ich es sofort als eben ein Raunen.


    "Auf der Wiese vor deinem Kontrollpunkt Nummer zwölf befindet sich seit sechseinhalb Monaten unsere Kolonie "Freedom of Ant", die als Außenposten unserer Zivilisation zur Kultivierung dieses Areals dient. In jeder deiner Dienstnächte malträtierst du die Kolonisten, zerstörst ihre Nachschub- und Versorgungswege und tötest Nacht für Nacht die mutigsten und wertvollsten unserer Art, indem du sie achtlos im Dreck mit deinen schweren Stiefeln zermalmst. Das können und werden wir nicht weiter dulden". Während die Königin sprach, glühte das Leuchten ihrer Augen in einem feurigen dunklen Rot.


    Längst war ich über den Punkt der zweifelnden Selbstbefragung hinaus. Die Knie taten mir unendlich weh, der Schnitt am Fuß schmerzte, das Hirn schien zu zerspringen. Ein Verstellen oder Lügen war angesichts meiner Lage sinnlos, es gab schließlich auch keinen Grund dazu, war ich mir doch keiner Schuld bewusst.


    "Ja, aber", begann ich und wurde bereits barsch unterbrochen: "'Ja, aber' bedeutet schuldig, denn deine Taten sind dokumentiert. Ein Aber ist unzulässig, es gibt keine Entschuldigung für dein Tun. Ob bewusst oder nicht, spielt keine Rolle, genauso wenig wie für dieses Gericht Rache von Belang ist. Es geht weder um Bestrafung, noch um eine Entschuldigung, es geht ausschließlich darum, durch dein Entfernen aus der Welt der Lebenden diesem Morden zukünftig Einhalt zu gebieten. Du bist die Ursache des schrecklich Bösen in unserer Welt."


    Wie soll ich mich verteidigen, wenn die Tat bereits geschehen ist und es gar nicht um ihre Relativierung geht? In einem Anflug logischer Gedankengänge blitzte mit einem Mal der tiefere Sinn dieser Verhandlung in meiner Vorstellungswelt auf: "Ich verspreche, ich mach's nie wieder!" Ein Kleinkind hätte diesen Satz jammern können, doch ich hatte ihn vollkommen ernst gemeint. Das Rot der vorsitzenden Richterin und anklagenden Königin auf der Empore verblasste, dann blitzte es wie ein Feuerstrahl wieder auf mich herab: "Wir Ameisen sind ein kultiviertes mächtiges Volk", begann die Feuerameise und ihre Stimme war durchdrungen von tiefen Bässen, die ich akustisch nicht zu erklären weiß, "und deshalb lassen wir Gnade vor Recht ergehen. Achte unsere Art, wir werden dir einmalig Zeit für eine Bewährung einräumen, an deren Ende wir dein Urteil sprechen. Diese Verhandlung ist hiermit vertagt!"


    Die digitale Uhr zeigte 00:05 Uhr, als ich aus meinem Sekundenschlaf erwachte. Ich saß auf der Bank unterm Baum, die "Aegis Solo" war von meinem Schoß auf den Boden gefallen, der Glastank des Verdampfers lag zersplittert verstreut. Ja, nun mögt ihr lachen: "Haha! Wir haben's doch geahnt, es war also nur ein Traum!" Ich hingegen habe vorhin erst ein neues Pflaster auf meine kleine Schnittwunde am Fuß geklebt und weiß daher, was zukünftig zu tun bzw. zu unterlassen ist. Ich möchte euch wirklich keine Angst bereiten, wenn ich mahne: seid euch stets bewusst, was ihr tut, denn wenn ihr euch erst im dunklen Verlies wiederfindet, dann ist es vielleicht zu spät für eure Bewährung.



    -- Fin -- :)

  • Sehr schön geschrieben, bis zur Erklärung hab ich fast geglaubt das es war war.

    Vorallem die "Micro-Schlagstöcke" würden mich mal in "real" interessieren. ^^

    "Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue fade Erträglichkeit sogenannter guter Tage geatmet habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, dass ich die verrostete Dankbarkeitsleier dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedene Gesicht schmeiße und lieber einen recht teuflischen Schmerz in mir brennen fühle als diese bekömmliche Zimmertemperatur."
    Hermann Hesse

    Vorlage für Akkuträger

    Liquidvorlage

  • Genau Melone, durchaus inspiriert als Kafkaeske und mehr noch von der letzten Doppelfolge "Star Trek - The Next Generation" in der Capt. Picard von "Q" der Prozess gemacht wurde, dessen Sinn ihm aber erst im Verlaufe der folgenden 90 Minuten langsam ersichtlich wurde. "Gestern, Heute, Morgen" heißt dieses für mich epochale und qualitativ nie mehr erreichte Ende dieser alten TV-Serie.


    MoonRockS Wie, du hast mir nur "fast" geglaubt? Was muss ich tun, um dir zu belegen, dass es sich genau so wie beschrieben zugetragen hat? Setze zwei Edelstahldochte doch mal unter 40+ Ampere Strom, dann werden sie zu mächtigen Mikro-Schlagstöcken, für die man eigentlich einen Waffenschein benötigt. Das kommt dem surrealen Geschehen en miniature dann irgendwie schon ziemlich nahe :-)

  • Eine ham wir noch :victory01:



    Kausalität und Zufall


    Die Schwaden der E-Dampfe brechen den Mondschein und verleihen in einer Hausecke einem Spinnennetz optisch mehr Struktur, sodass mir das Geschehen im Netz überhaupt erst auffällt und ich es leicht beobachten kann.


    Was ich dort sehe, entsetzt mich spontan und instinktiv. Der blitzschnell heran eilende Spinne blase ich noch rechtzeitig einen dichten Dampf stark metholhaltiges Liquid entgegen, bevor sie den gerade ins Netz geflatterten Nachtfalter erreicht. Es ist mein Albtraum, bei lebendigen Leibe von einer gigantischen Spinne ausgesaugt zu werden. Das vielbeinige Monster im Netz hält auch sofort inne, ich befreie den Falter aus den klebrigen Fäden und jage die Spinne zum Teufel. Oha! Ich höre es bereits, die Naturschützer schimpfen: dies sei Biologie und Evolution, man habe sich da herauszuhalten, müsse den natürlichen Dingen ihren Lauf lassen, so grausam sie uns auch erscheinen möge. Hallo? Ich bin auch Natur! Weiterhin würde ich dieser mahnenden Stimme gerne den Vorschlag unterbreiten, doch vielleicht den Platz mit dem des Nachtfalters zu tauschen. Mal schauen, wie dann die Argumentation ausfällt.


    Im Verlauf dieser Schilderung wird nun deine Vorstellungskraft gefordert, stelle dir folgendes Szenario vor:


    Der von mir befreite Falter hat eine Lebenserwartung von wenigen Tagen und sagen wir mal, sein letzter Tag sei gerade angebrochen. In den sehr frühen Morgenstunden würde ein Kauz auf seiner Jagd den befreiten Falter erbeuten, um ihn an seine Jungen zu verfüttern. Im Nest befänden sich zwei Küken: eines groß und kräftig, das andere unterernährt schmächtig. Es stünde kurz davor, von seiner großen Schwester aus dem Nest geworfen zu werden. Natur halt. Grausam, wie sie nun mal ist. Jetzt aber ergattert das schwache Käuzchen im Rachen der Mutter gerade diesen Falter und dessen Proteine gäben ihm genau jenes Quäntchen, damit seine Kraft ausreicht, sich gegen seine Schwerster erfolgreich zur Wehr zu setzen. Er würde Dank des Falters überleben.


    Wenige Wochen später wären beide Jungvögel flügge und erlernten die Jagd. Dem schmächtigen Vogel gelänge dies allerdings nicht besonders, er droht abermals zu verhungern.


    Jetzt ein Szenenwechsel (ich wechsle auch die Zeit der Erzählung. Weg von der Möglichkeitsform, da sie mir zu anstrengend ist):


    Ein Terrorist hat sich mit einem neuen ungeheuer tödlichen Virus absichtlich infiziert und ist gerade dabei, die gesamte Menschheit auszulöschen. Wie genau diese Zusammenhänge gelagert sind, darüber erzählt ein anderer Thriller. Es existiert aber kein Gegenmittel für dieses Virus, der Terrorist selber ist strohdumm, ihm ist alles egal. Jungfrauen, Paradies, Destroy Capitalism und so weiter. Das Virus verbreitet sich nur von Mensch zu Mensch und von Ratte zu Ratte, ist aber für andere Lebewesen ungefährlich. Ähnlich aber viel schlimmer als Corona. Ein Ratte-Mensch-Mutant gewissermaßen.


    Kurz vor seinem finalen Anschlagsversuch hatte der Terrorist an vier Ratten das Virus getestet. Sie wurden vorhin infiziert, befinden sich aber noch innerhalb der Inkubationszeit in einem Pappkarton in der Wohnung des Terroristen, der den zeitlichen Verlauf der Infektion interessiert beobachtet. Plötzlich stürmt ein Einsatzkommando der Polizei herein. Der Terrorist wird überwältigt, die Viren werden sichergestellt, der Terrorist und drei Ratten werden verhaftet aber eine Ratte entkommt unbemerkt. In der Folge wird alles unschädlich gemacht, die Polizisten erhalten später viele Orden, denn allgemein wird angenommen, man sei einer der größten Gefahren des modernen Terrorismus noch rechtzeitig Herr geworden.


    Die entkommene Ratte verschwindet in einem nahegelegenen Park. Langsam beginnt der Virus zu wirken, erste Pestbeulen wuchern wulstig unter der Haut. Die Ratte kann nicht mehr, sie hat einen Kinderspielplatz erreicht und schleicht am Rand eines Sandkastens entlang. Darin spielt ein Kleinkind, es sieht die langsame Ratte und watschelt vergnügt dorthin, um sie zu streicheln. Seine Mutter bekommt davon nichts mit, sitzt sie doch auf einer Bank und ist in ihr Smartphone vertieft. Sie chattet auf Facebook und schreibt gerade, wie schön doch dieser Morgen sei und die Welt und dass sie Lust verspüre, dem natürlichen Drang nach Vermehrung mit einem weiteren Kind zu entsprechen. Ich bin jetzt nicht böse und behaupte, der Mann, dem sie das mitteilt, sei ihr Liebhaber, sondern es ist ihr Ehemann. Beide verabreden sich für den Abend zwecks ihres natürlichen Vermehrungstriebes.


    Wie kann es jetzt anders sein? Es muss kommen wie befürchtet. Shit happens eben.


    Das Kind schreit, es wurde von der Ratte gebissen. Die Mutter springt auf, nimmt ihr Kind - folgende Handlung in Zeitraffer: es ist infiziert, Arzt, Notaufnahme, Krankenhaus, Mutter ist außer sich. Am Abend findet zum Trost die biologische Reproduktion mit dem Ehemann statt, Kind kommt in Quarantäne, später Mutter und Vater ebenfalls, doch der Vater hat bereits eine Arbeitskollegin infiziert, da er nämlich nicht so integer ist, wie wir es eventuell annehmen, die Pandemie nimmt ihren Lauf, die Weltgesundheitsorganisation findet kein Gegenmittel, die Menschen sterben, zuerst städteweise, dann fallen dem Virus ganze Landstriche zum Opfer, am Ende steht das weltweite Aussterben der Menschheit. Die letzten ehemals reichen Überlebenden in vereinzelten Bunkern können darin nicht ewig hausen, sie verenden 150 Jahre später, denn das Virus ist Teil einer neu entstandenen Natur geworden. Biologie halt. Doch immerhin, die Überlebenden konnten noch mehrere Generationen die Menschheit in die Zukunft retten. Dann ist aber endgültig Schluss. Ende. Aus. Finito. Die Menschheit wurde dahingerafft. Die Orden der Anti-Terror-Einheit rosten längst in den Nachttischschubladen der Ruinen, die wiederum vom europäischen Urwald überwuchert werden. Die Evolution beginnt ein neues Würfelspiel, diesmal ohne Menschheit.


    Jetzt drehe die Filmrolle bitte wieder zurück.


    Und zwar zur erfolglosen Jagd des zwar von mir durch die Befreiung des Falters als Baby-Kauz geretteten aber später hungernden Jungvogels. Er erblickt die kranke Ratte gerade als sie den Spielplatz erreicht. Die Ratte kann nicht mehr flink entkommen, sie wird also selbst vom langsamen Nachtjäger gefangen. Ihr Verzehr stärkt den Vogel, der deshalb in der Folge genug Kräfte entwickelt, in der Natur zu überleben. Das Kind wird nicht gebissen, die Menschen werden nicht infiziert, die Menschheit stirbt nicht aus. Ich habe also nicht bloß einem Falter das albtraumhafte Los im Spinnennetz erspart, sondern noch dazu einem Kauz und möglicherweise sogar der gesamten Menschheit zum Überleben verholfen. Und all dies ist den Nebelschwaden der E-Dampfe zu verdanken, die mich erst zu meiner heldenhaften Tat animierten. Man sieht: E-Dampfen rettet die Welt. In vielerlei Hinsicht.



    – Fin – :)

  • Mein Mitleid gehört der (in meinen Augen zu unrecht stigmatisierten) Spinne, die nun hungernd ihr mühevoll erschaffenes Kunstwerk erneut erschaffen muss. ;)


    Aber die Geschichte ist wirklich toll, du bist ein sehr guter Geschichtenschreiber.

    Danke dir dafür.

    Bring mich an den Rand des Wahnsinns - von da weiß ich den Weg nach Hause :midi36:

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  • Genau Tloen, sowas kommt von sowas her :)


    Erinnerst du dich noch an den Film "Lola rennt"? Was mich an ihn irre fasziniert hatte, waren die rasanten Zwischenschnitte, die zeigten, was aus den einzelnen Leuten hätte werden können, wenn jetzt nur eine bestimmte Entscheidung getroffen werden würde bzw. ein bestimmtes Ereignis stattfände. Auf dann einem Foto, bei dem zu Beginn ein Ereignis verändert war, veränderten sich die nächsten Jahre das Schicksal der Personen immer mehr. Binnen einer Minute rasten mögliche Kausalketten wie abgerissene Kalenderblätter in Bildern an einen vorüber. Das hatte mich als Stilmittel in einem Film seinerzeit stark beeindruckt.


    Naja ZumaFx, man sagt ja, jedes Lebewesen erfülle einen Sinn in der Natur und sei er auch noch so gering. Wozu sind aber Spinnen da? Oder Zecken, die bekanntlich zu den Spinnentieren gehören? Welchen Vorteil in der Natur könnte wegen ihrer listigen und tückischen Bestrebungen entstehen? Oder andersherum gefragt: wäre die Natur nicht eine viel freundlichere ohne Spinnen? Und das nicht nur für so manche Insekten. Genauso wie ein schöner Nachtfalter, so hasse ich Spinnen aller Art. Abgrundtief! Ganz besonders diese fiesen Zecken =O


    Für Horrorfilmproduzenten sind Spinnen allerdings geradezu geniale Geschöpfe, das stimmt dann auch wieder.


    Ach, ich möchte natürlich keine Spinnenliebhaber vor den Kopf stoßen. Dass ich persönlich sie nicht mag, heißt ja nicht, dass sie keine liebenswerten Geschöpfe sein können. Und überhaupt hatte ich mal irgendwo gelesen, dass Spinnen evolutionär zu den Anfängen des Lebens zählen, dass sie sich jeder erdenklichen Umwelt anpassen (in den Tiefen der Ozeane, in den heißesten Wüsten bis hinauf zu den Gipfeln sauerstoffarmer Höhen sowie in den kältesten arktischen Regionen ein Zuhause finden) und dass sie wahrscheinlich noch auf der Erde verweilen, wenn es entwicklungsbedingt die Menschheit längst nicht mehr gibt.


    Und wenn sie sich überall schon so lange und prima zurechtfinden, wer weiß, so ist die Wahrscheinlichkeit auch sehr hoch, dass Außerirdische, wenn sie uns denn mal besuchen sollten, eher in Spinnenkörpern als in denen von humanoiden Zweibeinern daher kommen. Und vielleicht wollen sie dann ja gar nicht mit uns in Kontakt treten ... ^^


  • Monomond

    In einer Doku wurde mal gesagt, das der gesamte Erdball ohne Spinnen meterdick mit Insekten bedeckt wäre. Da Insekten im allgemeinen eine sehr hohe Reproduktionsrate haben und dazu recht "zäh" sind, glaube ich das sofort. Die Angst bzw. der Ekel vor Spinnen ist meistens anerzogen, begegnet man ihnen rein rational und mit unvoreingenommenen Interesse, entdeckt man eine sehr spannende Tierart. Zecken mag ich auch nicht, aber wie du schon schriebst, jedes Tier hat eine Aufgabe in der Natur. Da wir diese Aufgaben aber immer nach menschlichen Maßstäben messen, bilden wir uns ein, diese Aufgaben werten zu dürfen. Schon da beginnt für mich die Missachtung der Natur bzw. deren Ausbeutung. Wir Menschen meinen ja immer, wir könnten die Natur beherrschen, aber ich finde, wir haben noch nicht mal im Ansatz begriffen, wie das "System Natur" denn eigentlich genau funktioniert. Natürlich ist die Natur auch grausam, wenn man nach menschlichen Maßstäben misst, aber wenn der Löwe die süße Antilope nicht frisst, wird die Antilope die Welt ruinieren, weil sie alles kahl frisst. So komisch das klingt, die meisten "netten" Tiere sind viel gefährlicher für das System Natur als der ach so gefährliche Räuber ;)

    Bring mich an den Rand des Wahnsinns - von da weiß ich den Weg nach Hause :midi36:

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  • ZumaFx Drei Kerne, die zu denken geben:


    1. "das der gesamte Erdball ohne Spinnen meterdick mit Insekten bedeckt wäre"

    2. "wenn der Löwe die süße Antilope nicht frisst, wird die Antilope die Welt ruinieren"

    3. "bilden wir uns ein, diese Aufgaben werten zu dürfen. Schon da beginnt für mich die Missachtung der Natur bzw. deren Ausbeutung"


    Wir stehen aber nicht neben der Natur, sondern wir sind ein Teil von ihr. Dabei machen wir nichts anderes als die Insekten oder die Antilopen. Wenn sie werten könnten, würden sie Bücher schreiben, die alle begründen, weshalb ihre unkontrollierte Vermehrung richtig sei, ja, es würden sicher darunter auch Werke geben, in denen behauptet wird, der Gott der Antilopen oder die Insekten-Göttin habe befohlen, "macht euch die Welt Untertan".


    Nun haben wir die Feinde, die uns bedrohlich werden können, die Konkurrenten, die wir aus welchen Gründen auch immer nicht mögen, bis auf die Spinnen alle ausgerottet oder in die Zoos gesperrt. Das würden die Antilopen mit den Löwen genauso machen. Die Natur besteht aber aus mehr als nur den Arten. Es ist ein komplexes Spiel, das wir kaum verstehen. Wir vermehren uns ohne Feinde. Wenn es keine Menschen-Räuber mehr gibt, versucht die Natur andere Wege zu finden, das Zuviel an Menschen zu verringern. Corona ist nur ein kleiner Schritt in diese Richtung.


    Da die Erde in dem uns unbekannten Spiel des Universums ebenfalls nur ein winziger Teil ist, wird die Evolution des Universums wahrscheinlich schon längst dafür gesorgt haben, dass die Erde dem Biotop Kosmos nicht gefährlich werden kann. Alle 100.000 Jahre in regelmäßiger Wiederkehr ein mächtiger Kometeneinschlag, der die Evolution der Erde zurück auf Anfang stellt, könnte eine dieser Vorsichtsmaßnahmen sein, von denen es mit Sicherheit auch noch etliche andere gibt, die wir aber erst kennenlernen, wenn sie zur Anwendung kommen.


    Ich verhalte mich wie die Antilope. Wenn es keine Räuber mehr gibt, freue ich mich darüber. Würde eine Antilope denken: "Hey, Löwe, es ist gut, dass du uns tötest, du erfüllst eine natürliche Aufgabe", dann wäre es jedem einleuchtend, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Jedenfalls wäre klar, dass sie gegen ihren evolotionären Sinn des Vermehrens um jeden Preis handeln würde. Da wir, wie gesagt, Teil der Natur sind, ist das Prinzip, die eigene Art durchzusetzen, koste es, was es wolle, ebenfalls Sinn der Natur.


    Vielleicht wird die Menschheit irgendwann dermaßen degeneriert sein, dass sie sich aus ethischen Gründen (die Ethik ist ja auch nur Teil des menschlichen Maßstabs und hat mit der Natur bekanntlich nichts zu tun) selber umbringt. Es könnte aber genauso auch sein, dass dieses für uns perverse Vorgehen einer Selbstzerstörung bereits lange zur Strategie der Evolution gehört, wir nur nichts davon wissen. Ich meine, auch die Fische wissen nicht, weshalb ihre Population zurückgeht, wenn zu viele ihrer Art in einem räumlich zu kleinen Gewässer leben.


    Wenn ich einen Schritt zurücktrete und die irdische Natur nur als Teil einer viel größeren Natur betrachte, dann mache ich mir gar keinen Kopf um Spinnen oder um Corona. Bei mir zu Hause töte ich die Spinnen mit Freude und Genugtuung, so wie wir als Gruppe Mensch Corona unschädlich machen und uns genauso darüber freuen.


    Die Wertung, auch eine Spinne habe wie jedes Lebewesen ein Recht auf Leben, oder andersherum, wir haben nicht das Recht, über das Recht auf Leben anderer Spezies zu urteilen, ist wiederum eine aus menschlichen Maßstäben getroffene Wertung, für die dann ebenso Punkt 3 deiner oberen Zitate gilt: "Schon da beginnt für mich die Missachtung der Natur". Ich bin in meinen Todesbestrebungen für Spinnen oder Viren eben Teil dieser Natur.


    Interessantes Thema ZumaFx :thumbup:

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